„Kommunikation hat etwas mit Haltung und Offenheit zu tun“

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„… Und das funktioniert nur, wenn ich das Herz aufmache“, sagt die Schauspielerin Franziska Aeschlimann vom „boat people projekt“ in Göttingen. Das Freie Theater bietet Theaterproduktionen mit dem Schwerpunkt Flucht und Migration. Neben den facettenreichen Theaterproduktionen und diversen Workshops werden Arbeiten mit psychisch erkrankten Menschen („myworx“) und die Produktionen mit dem „jungen boat people projekt“ (Jugendgruppe des Projekts) angeboten.

myworx

junges bpp

myworx (FB) junges boat people projekt (FB)

2008/2009 entstand das „boat people projekt“. Luise Rist, Autorin (MORGENLAND, ROSENWINKEL) sowie Dramaturgin/Regisseurin, fragte Franziska Aeschlimann (Schaupielerin und Coach), ob sie nicht Lust hätte, ein Stück mit „Afrikanerinnen“ aufzuführen.

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Franziska Aeschlimann (© Dorothea Heise)
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In den Anfängen galt das „boat people projekt“ neben ein paar anderen Freien Theatern aufgrund seiner Arbeit mit Geflüchteten als speziell, heute sind es etliche, Freie Gruppen wie große Häuser, die das Thema beschäftigt. In der aktuellen Debatte im Feuilleton geht es vermehrt um die mangelnde Diversität in der deutschsprachigen Theaterlandschaft, auf und hinter der Bühne und in der Leitungsebene.

Luise Rist (FB)

luise rist

Im April 2015 wurde das Projekt mit dem Hanns-Lilje-Stiftungspreis ausgezeichnet. Die Stiftung lobte das „boat people projekt“ für die „Originalität, Authentizität und Qualität“ der Produktionen und war besonders davon beeindruckt, dass Produktionen zum Thema Flucht auch die Geflüchteten selbst einbinden. Gekrönt wurde die Arbeit des „boat people projekt“ schließlich März 2016 mit dem Friedenspreis der Stiftung Dr. Roland Röhl.

Als „willkommenes Refugium für Menschen, die sich in der Gesellschaft fremd fühlten“, so Organisatorin Carmen Barann, schaffe es das Ensemble, Menschen aus verschiedenen Ländern und mit den verschiedensten Hintergründen zusammenzuführen und ihre Erlebnisse auf die Bühne und dem Publikum nahezubringen. Der Göttinger Friedenspreis wird von der Stiftung Dr. Roland Röhl verliehen und soll die Konflikt- und Friedensforschung fördern.

Friedenspreisvergabe cs

Friedenspreisvergabe in der Aula der Georg-August-Universität Göttingen (© C. Schombel/SÜD-OST-Statteilmagazin)

Eine Besonderheit der letzten Jahre war der Einzug in die neuen Räumlichkeiten: Von November 2015 bis Sommer 2018 hatte es sich das kleine Theater mit ca. 90 Sitzplätzen in dem ehemaligen Institut für wissenschaftlichen Film gemütlich gemacht. Das Gebäude wurde zu der Zeit auch als Flüchtlingsunterkunft genutzt, ca. 100 Menschen wurden hier untergebracht. Perfekt, um neue Künstler*innen aus unterschiedlichen Ländern für das „boat people projekt“ zu gewinnen!

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Diese sind insbesondere Menschen aus Kriegsgebieten oder mit sonstigen diasporischen Bezügen. Gemeinsam wird nach Themen gesucht, nach Formen und Erzählstrategien, um Theater heute für ein divers zusammengesetztes Publikum erlebbar zu machen. Dabei kommen die Erlebnisse der Menschen mit Migrationshintergrund und einer anderen Kultur gerade Recht.

 

 

 

 

WeltPolitikReaktionsVentil 2015 (l), Franziska Aeschlimann in einem der ersten Projekte 2010 (r)

Trotzdem gebe es natürlich auch Schwierigkeiten in der Kommunikation und in der Zusammenarbeit, gerade wenn eine Frau eines der Projekte leitet. Da hätte es ein Mann durchaus leichter als eine Frau, so Franziska Aeschlimann, Respekt dem anderen gegenüber und klare Grenzen seien wichtig. Als eine „große Bereicherung“ sehe sie die Zusammenarbeit an mit „Menschen, die ich vor 10 Jahren nicht hätte kennenlernen können, die mir menschlich so ähnlich, so nah sind. Im Grunde so nah, obwohl wir aus unterschiedlichen Erdteilen kommen. Daher können wir zusammen auch etwas erreichen.“

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Zwei dieser besonderen Künstler*innen, die nach Deutschland flüchten mussten, sind Rizgar Kalil und Balen Abbas. Im Folgenden gibt es Rizgars Antworten auf einige Fragen zum Thema Kommunikation und das „boat people projekt“:

CS: Woher kommst du und wann bist du nach Deutschland gekommen?
RK: Ich komme aus Syrien und lebe seit 2015 in Deutschland.
CS: Warum musstest du deine Heimat verlassen?
RK: Augrund des Krieges in meinem Land musste ich fliehen und kam so nach Deutschland.
CS: Woher kennst du das „boat people projekt“ und warum machst du dort mit?
RK: Auf Facebook hatte ich Ende 2015 das „boat people projekt“ entdeckt und mein Kollege schreib ihnen eine Mail , damit ich mit ihnen Kontakt aufnehmen konnte. Ich war vorher bereits Schauspieler und wollte auch in Deutschland weiterhin auf der Bühne stehen.
CS: Gab es (zu Beginn) Schwierigkeiten in der Kommunikation und wenn ja, war das problematisch oder kein großes Problem für dich?
RK: Es gibt immer wieder große und kleine Probleme in der Verständigung. Texte sind eigentlich kein Problem, die lerne ich einfach, nachdem ich verstanden habe, was dahintersteckt. Diskutieren ist immer ein großes Problem, aber es ist auch immer wieder eine interessante Erfahrung.
CS: Was konntest du aus deiner Heimat/Kultur in das Theaterspiel mitbringen? (zum Beispiel eine besondere Art des Spielens)
RK: In meiner Heimat ist Schauspiel etwas anderes als in Deutschland. Ich stand selbst im Irak und in Kurdistan auf der Bühne, in Syrien durfte ich nicht.
CS: Was war für dich neu und ungewöhnlich beim „deutschen“ Theaterspiel?
RK: Die Spielkultur ist in den Ländern eine andere, für die Darstellungsweise ist weniger technisch, mehr aus dem Gefühl heraus.

Rizgar Kalil Rizgar Kalil (FB)

Balen Abbas ist Sänger und stand schon häufiger auf der Bühne unter der Leitung von Musiker Hans Kaul vom „boat people projekt“.

Balen Abbas Balen Abbas (FB)
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Das Freie Theater „boat people projekt“ in Göttingen ist für jede*n offen. Mittlerweile hat es seinen Sitz in einer leerstehenden Industriehalle in der Stresemannstraße, die erste Premiere in der Location wird im Februar 2019 gefeiert. Mehr Informationen gibt es unter:

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Titelbild: Open the Outside © Haneef Baloch, 2018. Die Fotos, insbesondere von der Facebook-Seite des bpp, wurden mir freundlicherweise zur Veröffentlichung freigegeben. C. Schombel, November 2018